Kenwood TS-590S – Eindrücke

Von Johannes Zährl, DL9NEF (dl9nef@darc.de)

Dies wird kein Testbericht, sondern ist lediglich eine Zusammenfassung meiner ersten Erfahrungen mit dem TS-590S.  Ich verfüge über keinerlei Messmittel oder die Möglichkeit Messungen durchzuführen. Statische Messwerte kann ich Ihnen also nicht bieten. Hier müssen wir auf die Ergebnisse berufenerer Stellen warten. Sendebetrieb habe ich nicht durchgeführt, sondern mich auf den reinen Empfangsbetrieb konzentriert.

Die in den Medien bekanntgewordenen Details zum TS-590S haben nicht nur bei mir große Erwartungen geweckt. So war die Spannung groß, als sich für mich die Möglichkeit ergab, einen etwas näheren Blick auf den „Neuen“ von Kenwood zu werfen und ihn auch noch für ein paar Tage an meinen Antennen und mit anderen Geräten direkt zu vergleichen!

Bereits beim Auspacken die erste Überraschung: Erstaunlich gewichtig – trotz der moderaten Abmessungen! Fast 15 Pfund bringt der 590er auf die Waage und vermittelt dem Benutzer damit einen Eindruck von Solidität und Wertigkeit. Das schafft sofort einen Vertrauensvorschuss bei mir, man hat etwas in der Hand und damit auch rein gefühlsmäßig einen entsprechenden Gegenwert für den Kaufpreis erhalten.
Das Gewicht rührt von der soliden Bauweise mit stabilem Druckgussrahmen her. Zudem habe ich bei einem Amateurfunkgerät noch nie solche Blechstärke bei den Gehäusehalbschalen beobachtet. Dieses Gerät muss man während der Bedienung nicht festhalten, damit es nicht davongleitet!

Gehäuse und Frontplatte sind mattschwarz gehalten. Die Oberflächen wirken etwas kratzempfindlich und man ist sicher gut beraten, das Gerät vor einem Transport gut zu verpacken und gegen mögliche Kratzer zu schützen.

Über ein eingebautes Netzteil verfügt der TS-590S nicht. So schließe ich das Gerät für einen ersten Eindruck an eine 13,8 V-Spannungsquelle an. Nach dem Einschalten macht sich etwas Enttäuschung breit. Obwohl noch keine Antenne angeschlossen ist, rauscht es vernehmlich aus dem Lautsprecher, sobald man die NF-Lautstärke etwas anhebt. Dieser Eindruck bleibt eine ganze Weile präsent. Erst einige Zeit später, als ich das, 87 Punkte umfassende, Einstellungs-Menü des Gerätes mit Hilfe der ausgezeichneten Bedienungsanleitung erforsche, stolpere ich u.a. über den Menüpunkt „(31) DSP RX equalizer“. Hier war die Einstellung „HB2″ gewählt (High Boost 2), was eine starke Höhenanhebung bewirkt.
Nachdem ich die Einstellung auf „Flat“ geändert habe, ist die Aggressivität aus der NF verschwunden. Doch während dieser ersten Stunden weiß ich das noch nicht und bin deshalb ein wenig enttäuscht.

Nach dem Anschluss einer Cushcraft R7-Kurzwellen-Vertikal drehe ich, wegen des Rauschverhaltens fast ein wenig lustlos, über die Bänder. Aber obwohl mir die NF etwas zu giftig erscheint, freue ich mich über die ganz hervorragende Selektivität und offensichtlich ausgezeichnete Empfänger-Dynamik.

Anschließend baue ich den TS-590S wieder ab und mache ein paar Fotos. Dabei werfe ich auch einen Blick „unter die Haube“. Hier zeigt sich Erfreuliches in Form des bereits oben erwähnten massiven Druckgussrahmens und vieler, oft erst bei näherem Hinsehen erkennbaren, Details, die große Sorgfalt bei der Ausführung der Konstruktion erkennen lassen. Doch dies ist man von Kenwood eigentlich nicht anders gewohnt.

Zuhause angekommen, macht der 590er Bekanntschaft mit meiner 60 m langen, zweidrahtgespeisten Horizontal-Loop. Aha! Das wirkt schon deutlich lebendiger als mit der Vertikal! Für eine Positionsbestimmung gesellt sich ein von mir favorisierter TRX aus den 90er-Jahren zu uns (Icom IC-737A). Dieses Gerät zählt für mich, zusammen mit dem TS-850S von Kenwood und den TenTec-Modellen „Corsair“, „Corsair II“ und „Omni VI“ zu besten Transceivern klassischer Bauart.

Mittlerweile habe ich auch die Anleitung gelesen und das Einstellmenü durchgearbeitet. Die Menüführung empfinde ich als ausgesprochen gelungen. Dabei wird zu jedem Menüpunkt ein aussagekräftiger Text statt kryptischer Kürzel angezeigt, ggf. bei Überlänge als Laufschrift. Diese lobenswerte Einrichtung kennt man bereits von seinem Vorgänger, dem TS-570S. Nach dem Einstellen des RX-Equalizers schafft sich wachsende Begeisterung Raum und vertreibt den anfänglich entstandenen Schrecken rasch.

Zwei komplette Konfigurationen lassen sich übrigens wechselweise abrufen: Nach dem Betätigen der Taste „Menu“ lässt sich mit der Taste „A/B“ zwischen den beiden Konfigurationen wählen. Das kann beispielsweise hilfreich sein, wenn zwei Operatoren abwechselnd mit dem Gerät arbeiten (müssen).

Die Drucktasten sind ausreichend groß und gut zu bedienen. Der Ein/Ausschalter ist für mein Empfinden allerdings nicht optimal positioniert: Irgendwie erwartet man diese Taste entweder ganz links oder rechts am Geräterand. Die Entwicklungstechniker haben ihn zwar in der linken oberen Ecke des Bedienfeldes, aber erst als zweite Taste von links platziert, was, zumindest mich, immer wieder irritierte. Aber sicher gewöhnt man sich im Laufe der Zeit daran.

Viele der Drucktasten sind mit einer Zweitfunktion belegt, die entweder durch die momentan gewählte Betriebsart bestimmt wird oder durch längeres Gedrückthalten der Taste erreicht werden kann. Bei einstellbaren Funktionen, wie z.B. NB, DSP, Notch wird durch längeres Gedrückthalten der Taste das Einstellmenü zur Funktion aufgerufen. Mit dem Drehwähler „MULTI/CH“ lassen sich dann die gewünschten Werte einstellen. Die Einstellungen werden während der Einstellung unmittelbar wirksam. Das ist praktisch. Das Gerät lässt sich überhaupt in sehr weiten Teilen intuitiv bedienen und verlangt nicht zu jeder Zeit die
Bedienungs-anleitung in Reichweite.

Ein wenig sehr nah am VFO-Knopf platziert erscheint mir die Taste „IF FIL“, mit der man zwischen zwei ZF-Filtereinstellungen wählen kann. Diese doch recht häufig benutzte Taste hätte meines Erachtens eine etwas günstigere Anordnung verdient.

Der VFO-Knopf ist geradezu beispielhaft ausführt: Großer Durchmesser und mit einer, auch für meine Finger hervorragend dimensionierten, Mulde versehen, begeistert er durch seidenweichen und absolut spielfreien Lauf. Da eiert nichts, da wackelt nichts – spitze!

Gut gefällt mir die Möglichkeit, gleichzeitig ein Paddle und eine Handtaste für CW anschließen zu können. Günstig, um z.B. neben dem Paddle auch ein CW-Keyboard oder einen PC anzuschließen – wenn man das denn möchte!
Die Frequenz des CW-Mithörtons lässt sich zwischen 300 und 1000 Hz in 50 Hz-Schritten einstellen. Diese Einstellung betrifft natürlich auch den BFO beim Empfang.
Als wirklich nützliche Eigenschaft bezeichne ich die Möglichkeit, in der Betriebsart CW eine automatische Abstimmung auf eine Gegenstation ausführen zu lassen. Nach dem ungefähren Einstellen einer Station genügt ein kurzer Druck auf die Taste „CW T“ um einen automatischen Fein-Abstimmvorgang auszulösen. Blitzschnell und zuverlässig ist man transceive mit der Gegenstation! „Das kann man doch selber genauso gut!“ wird so mancher, nicht ganz unberechtigt, an dieser Stelle einwerfen. Im Prinzip ja, aber die Realität auf den Bändern sieht doch oft anders aus, nicht wahr?

Mit Bedacht suche ich nun Situationen, in denen schwache SSB-Stationen von möglichst starken SSB-Stationen in Abständen von möglichst weniger als 2 kHz belagert werden. Am Abend auf 40 und 80 m herrscht an solchen Situationen nicht wirklich Mangel. Dabei versuche ich, die schwache Station so herauszuarbeiten, dass ein QSO möglich wäre.
Besonders hilfreich bei diesem Bemühen erweist sich die Funktion „Notch“ in der Stellung „Wide“. Dabei lege ich die Austastlücke sorgfältig auf das, natürlich vorhandene, denn der „Störer“ ist ja tatsächlich innerhalb meines Passbandes, Splatter der starken Station. Der Effekt ist deutlich: Das Splattern verschwindet zwar nicht ganz, wird aber spürbar gemildert. Im selben Maß, mit dem sich das Splattern verringert, wird die schwache Station, der ja mein eigentliches Interesse gilt, lauter, da die AGC wegen der starken Station nicht so stark herunterregelt. Die mit dieser Vorgehensweise erzielbare Empfangsverbesserung begeistert mich sehr.
Allerdings würde ich mir wünschen, die Austastlücke in der Stellung „Notch Wide“ wäre noch ein wenig breiter. Vielleicht könnte man ja in einer späteren Version eine noch etwas breitere Austastlücke als dritte Einstellmöglichkeit vorsehen? Geradezu genial wäre es, wenn man die Breite der Austastlücke einstellen könnte. Aber auch so sind die Ergebnisse bereits ganz hervorragend!

Mein Referenzgerät schlägt sich übrigens die ganze Zeit zwar sehr tapfer, aber (leider) auch vergeblich. Im direkten Vergleich ist der TS-590S in Bezug auf Selektion und Dynamik stets überlegen.

Da mein Interesse nach wie vor auch dem Rundfunk auf Kurz- und Mittelwelle gilt, mache ich auch einen ausgiebigen Abstecher in das sog. „Tropenband“. Im Bereich zwischen 4700 und 5100 kHz finden sich jede Menge kleinere Rundfunkstationen, die sich oft mit kommerziellen und militärischen Stationen um einen Platz auf dem Band streiten müssen. Hier fand ich z.B. eine Station, dessen Träger ich mit dem Referenzgerät gerade einmal so unter einer Fernschreib-Station erahnen konnte. Aber ich konnte nicht klären, ob da jemand spricht, geschweige denn die Sprache bestimmen.
Mit dem TS-590 wählte ich das obere Seitenband (ECSS-Methode) und die Funktion „BC“ (= Beat Cancel) in der Einstellung „BC2″, mit der automatisch multiple Trägersignale ausgefiltert werden können. Diese Einstellung wird in der Bedienungsanleitung als effektiv gegen unterbrochene Träger, wie z.B. CW, empfohlen, während „BC1″ zum Ausfiltern von Dauerträgern empfohlen wird.
Der Erfolg ist frappant: Für meine Begriffe glasklar, einwandfrei berichtsreif und nur von ganz schwachem Knacken bei jedem Filtereinsatz begleitet, sprechen da eine Frau und ein Mann in englischer Sprache. Noch nie zuvor hatte Derartiges erlebt, das grenzt schon fast an Zauberei!

Anschließend schlenderte ich noch ausgiebig über die Mittelwelle: Selten habe ich AM-Sendungen in solcher Qualität gehört! Eine derartig unverzerrtes Wiedergabe kannte ich bisher nur von kommerziellen Geräten, wie dem Telefunken E-107, Hammarlund SP-600, Rohde & Schwarz EK07 und natürlich, allen voran, dem Teletron TE 712 B.

Sowohl im heimatlichen Shack, als auch an meinem Zweit-QTH, bin ich, wie sicher nicht wenige unter uns, von hochfrequenten Störungen geplagt. Zuhause quält mich am Abend der Plasma-TV eines Nachbarn, am Auswärtsstandort macht sich der defekte Isolator einer Hochspannungsleitung unangenehm bemerkbar. Deshalb gilt mein besonderes Interesse der Funktion „NB“ (Noiseblanker = Störaustaster). Der TS-590S bietet zwei unterschiedlich arbeitende, in ihrer Wirkung regelbare Noiseblanker.
„NB1″ beschneidet Störspannungsspitzen in herkömmlicher Weise mit einem analogen Schaltkreis. „NB2″ rückt den Störungen mit Hilfe der DSP zu Leibe. Die Störungen an meinem Wohnort konnte der TS-590S in der Stellung „NB2″ fast vollständig eliminieren. „NB1″ zeigte sich hierbei ohne besondere Wirkung.
Es ist allerdings meines Erachtens nicht möglich, Erfahrungen anderer Benutzer auf die eigene Störsituation zu übertragen. Hier hilft nur ein Test vor Ort, also am eigenen Standort. Ich war jedenfalls sehr zufrieden!

Die Möglichkeiten der DSP zur Geräuschreduktion („NR1″ / „NR2″) habe ich nur kurz angetestet. Sie entsprechen, zumindest in der Stellung „NR1″, dem derzeitigen Stand der Technik. Die Anwendung der Funktion „NR2″ hat sich für mich nicht erschlossen: Egal, welches Signal ich der DSP angeboten habe, mehr als eine Variation des Grades an Verzerrung konnte ich nicht erzielen. In jedem Fall habe ich das unbearbeitete Signal vorgezogen.

Für den Abend des nächsten Tages habe ich dann kurzfristig einen Gerätevergleich an meinem Auswärtsstandort organisiert. Freundlicherweise erklären sich Dieter, DG2NBN, und Thomas, DL5NEN bereit, ihre Geräte zum Vergleich bereitzustellen. DG2NBN bringt seinen kontesterprobten Kenwood TS-850S und DL5NEN seinen erst kürzlich erworbenen Elecraft K3 mit. Ein Icom IC-746 befindet sich bereits vor Ort. Konrad, DL4NU, gesellt sich noch als unparteiischer Zuhörer zu uns. So können wir dann zu viert alle vier Geräte über einen Umschalter an den gleichen Antennen unmittelbar vergleichen.
Diese sind eine 42 m lange Windom und ein Fritzel FB-53-Beam. Die Windom ist gestreckt in N/S-Richtung abgespannt. Das kurze Ende hängt an der Spitze eines 30 m hohen Mastes, auf dem auch der Beam in etwa 33 m Höhe montiert ist. Das lange Ende der Windom ist in etwa 5 m Höhe abgespannt. Der Mast steht auf einer der höchsten Erhebung im Umkreis und die Abstrahlung ist nach allen Seiten offen. Gerade die Windom liefert an diesem Standort brachiale Summenspannungen an den Antenneneingang.
Der als an diesem Standort als Remote-Station betriebene IC-746 ist nach Sonnenuntergang, auch mit Einsatz des Abschwächers, nicht in der Lage, an der Windom-Antenne einen intermodulationsfreien Empfang zu gewährleisten. Anders die drei anderen Geräte: Von ihnen hatte erwartungsgemäß keines Probleme mit dem Signalangebot.

Um einen fairen Vergleich zu ermöglichen, war an allen Geräten die gleiche Bandbreite (2,4 kHz) gewählt. Als erstes vergleichen wir die Wirksamkeit der Störaustaster. Der vielfach einstellbare NB des K3 kann das lästige Hochspannungsprasseln, welches an diesem Abend mit etwa S9 am gegen Osten ausgerichteten Beam anliegt, um 2-3 S-Stufen mildern. Alle anderen Geräte müssen bei dieser Aufgabe passen. Ihre Störaustaster bleiben bei diesem massiven Störangriff leider ohne Wirkung. Ein übrigens kuz zuvor mit dieser Störsituation konfrontierter Icom IC-7200 kämpfte das Prasseln als das bisher einzige Gerät restlos und vollständig nieder.

Wieder versuchen wir kontestähnliche und praxisnahe Situationen zu finden, in denen eine sehr schwache von einer sehr starken Stationen in sehr geringem Abstand (2 kHz und weniger) belagert werden. Es gilt das schwache Signal herauszuschälen. Jeder Kandidat hat ausreichend Zeit, sein Gerät so einzustellen, dass ein möglichst störungsarmer Empfang der schwachen Station entsteht.
Sehr bald ergibt sich eine klare Reihenfolge: Platz 4 und 3 gehen an den IC-746 und den TS-850S, wobei der Kenwood das bessere Intermodulationsverhalten zeigt.
Stets die deutlich besseren Ergebnisse liefern, nicht ganz unerwartet, der K3 und der TS-590S. Der K3 produziert bei nicht vorhandenen Signalen ein feineres Grundrauschen, war aber auch in der Wiedergabe stets dunkler und klang damit verhangener als der Kenwood TS-590S. Dieser rauscht zwar in der gleichen Situation vernehmlicher, wirkt dabei aber immer empfindlicher. Der TS-590S hat, zumindest in meinen Ohren, bei der Auflösung extrem schwacher Signale immer eine entscheidende Spur mehr an Informationsgehalt anzubieten. Dieser Vorsprung wird bei Verwendung eines hochwertigen Kopfhörers noch deutlicher. Hier kann der TS-590S so richtig auftrumpfen!

Dabei fällt mir auf, dass, egal ob mit dem eingebauten oder einem externen Lautsprecher, die NF bereits bei zu 30-40 % geöffnetem NF-Regler zu klippen beginnt. Möglicherweise ein Impedanzproblem der NF-Endstufe, denn bei Kopfhörerbetrieb bleibt die Wiedergabe absolut sauber und unverzerrt, unabhängig von der eingestellten Lautstärke. Der eingebaute Lautsprecher ist leider nicht in der Lage, die erstaunliche Signalqualität des TS-590S zu reproduzieren.

Nach unzähligem Hin- und Herschalten zwischen den Geräten lässt sich folgendes Resumée ziehen: Kenwood hat auf keinen Fall zu viel versprochen! Der TS-590S kann sich durchaus mit dem K3 messen und liegt mit diesem zumindest auf gleichem Niveau.

Mich hat der TS-590S jedenfalls sehr begeistert! Seine Empfangseigenschaften gehören nach meiner Meinung sicherlich zum Besten, was derzeit – egal zu welchem Preis – für den Amateurfunk angeboten wird!